
Er ist beim politischen Gegner verhasst, von seinen Parteiangehörigen immer frenetisch geliebt worden. Sein bedingungsloses Eintreten für die Ziele und Erfolge der SPD haben ihm Bezeichnungen wie “Parteisoldat” und “Stalinist”eingebracht und doch musste jeder anerkennen, dass es gerade seine Beharrlichkeit und sein Starrsinn waren, die seiner Partei große Erfolge beschert und sie vor noch größeren Niederlagen bewahrt hat. Heute wurde nun bekannt, dass Franz Müntefering aus “familiären Gründen” (seine Frau ist seit Jahren schwer krebskrank) von allen seinen Ämtern zurücktritt. Die SPD verliert mit Franz Müntefering einen ihrer größten Kämpfer. Die Nach-Schröder-Ära wird nun noch bedrohlicher.
Wer erinnert sich noch an die Regierungszeit Kohl? Helmut Kohl regierte Deutschland seit 1982, als er seinen SPD-Vorgänger Helmut Schmidt durch ein konstrutives Misstrauensvotum aus dem Amt hievte und sich mit einer übergelaufenen FDP auf Jahre die Macht sicherte. Sah es dann gegen Ende der achtziger Jahre noch danach aus, dass Helmut Kohl bald abgelöst werde, so bescherte ihm die Deutsche Einheit nicht nur einen unerwartenden Wiederaufstieg und eine herausragenden Wahlsieg im Jahre 1990, sondern die Einheit schien ihm auch eine Dauerbrechtigung zum Regieren erteilt zu haben. Die SPD holte sich mit Oskar Lafontaine eines der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte. Der nachfolgende Hoffnungsträger Björn Engholm musste bereits kurze Zeit später sein Amt wieder räumen und übergab den Stab des SPD-Vorsitzenden an Rudolf Scharping, der zwar beste Absichten hatte, aber niemanden überzeugen konnte und so eine Dauerkrise der SPD in den neunziger Jahren auslöste.
Es waren der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder und der damalige Generalsekretär der SPD, Franz Müntefering, die den schon für unmöglich erachteten Wahlsieg über Helmut Kohl 1998 herbeiführten. Franz Müntefering wurde hier insbesondere die Pflicht anvertraut, das Gespann Lafontaine (Parteivorsitz) und Gerhard Schröder (Kanzlerkandidat) zusammen zu halten und die beiden unterschiedlichen politischen Vorstellungen der beiden als Einheit zu verkaufen. In einem überraschend modernen Wahlkampf, der auf die Federführung von Franz Müntefering zurückging, schüttelte die SPD das altmodische Bild, welches sie seit dem Abgang von Helmut Schmidt mit sich trug, ab und gewann mit einer überwältigenden Mehrheit die Macht in Bonn zurück. Franz Müntfering konnte aber insbesondere den “neuen Kurs” von Gerhard Schröder in der eigenen Partei verkaufen und sicherte so die Regierungsmacht, da die in der Partei äußerst unbeliebten Positionen Schröders (insbesondere die Agenda 2010) nur durch seine Glaubwürdigkeit vermittelt werden konnten.
Die SPD verdankt Franz Müntefering viel. Auch ihm ist ein völliges Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit nach der halben Niederlage im Bundestagswahlkampf 2005 zu verdanken. Ob Kurt Beck mit seinen irritierenden Positionen zu Afghanistan und ALG-II ein weiteres Absinken verhindern kann, bleibt abzuwarten. Der SPD stehen auf jeden Fall durch den Abgang von “Münte” schwere Zeiten bevor.
Was hier als Erfolge Münteferings dargestellt wird, kann wenig überzeugen, denn am Ende steht er mit seiner Partei vor einem Scherbenhaufen. Was er mit Schröder zusammen durchzog, minimierte die SPD wie nie in der Bundesrepublik. Und übrigens: Für den wahlsieg 1998 war neben Schröder weniger Müntefering, der noch in Nordrhein-Westfalen saß, als ein gewisser Lafontaine verantwortlich. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2007/11/13/die-agenda-2010-frisst-ihre-eltern/
Hier möchte doch eindeutig widersprechen. Zum einen können “Erfolg” und “Scherbenhaufen” sehr wohl im Einklang stehen: Meine These, wonach das Abgleiten noch viel deutlicher ausgefallen wäre, sehe ich keineswegs widerlegt.
Auch die Behauptung, die SPD habe Oskar Lafontaine den Wahlsieg 1998 zu verdanken, geht meines Erachtens an der Realtität vorbei: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Lafontaine bis zu letzt selber Kanzler werden wollte und dass er Schröder nur deshalb den Vortritt ließ, weil er in der Partei zwar stürmisch geliebt, vom Wahlvolk aber ignoriert wurde. Er selbst war sich sicher, den Wahlsieg nicht erreichen zu können. Der fulminante Wahlsieg Schröders bei der Landtagswahl 1998 gab ihm hier auch Recht.
Das Abgleiten auch mit dem Vizekanzler Müntefering ist deutlich genug. Allerdings glaube ich auch nicht, dass Kurt Beck mit seinem Taktieren der SPD wieder zum aufschwung verhilft; dafür wäre eine ordentliche Kehrtwendung nötig.
Übrigens: Die Rolle Schröders beim Wahlsieg 1998 habe ich gar nicht bestritten, nur den Anteil Münteferings – trotz seiner Funktion als Wahlkampfleiter.
Ich muss leider auch feststellen, dass die SPD endgültig ihr Profil verloren hat in der Ära Müntefering, und die Umfragen bestätigen dies leider.
Wobei ich dem Franz hierfür nicht mal die Hauptschuld geben möchte, das ging schon viel früher los, leider ist die Befürchtung, dass sich die SPD in einer Großen Koalition völlig aufreibt nur allzu deutloich eingetreten.
Die Stammwählerschaft ist verloren, was bleibt ist ein Überbleibsel aus wenigen Traditionalisten, zu denen ich momentan auch noch gehöre, aber wohl nicht mehr lang.
Wieder eingetreten, aus Angst die SPD könnte ihren Rang als für mich damals wichtigste politische Kraft in Deutschland verlieren, als linke, demokratisch sozialistische Partei, die Real-Politik vertritt.
Dazu kam sicherlich auch, dass ich meinem Vater damals eine Freude machen wollte, dennoch, damals setzte ich auch wirklich noch voll auf die SPD.
Die SPD ihr kritisches, vermutlich zu realitätsfremdes und zu linkes Lager, verloren. Gerade dieser Kampf zwischen diesem Lager und den eher konservativen Kreisen der SPD hat den Kurs immer wohl austariert zwischen sozialdemokratischer und real politischer Notwendigkeit.
Ich muss leider feststellen, dass die Grünen inzwischen fast meine einzoge Option unter den deutschen Parteien darstellen…