Joschka Fischers Memoiren: kein großer Wurf

fischerAls Joschka Fischer 1998 völlig überraschend Außenminister der Bundesrepublik Deutschland wurde, war man auf vieles gefasst. Viel Freude hatte uns bis dahin der bunte Vogel der deutschen Politik beschert. Nach 16 Jahren Helmut Kohl konnte man es gar nicht fassen, dass Deutschland bereit war, einen Charakter im Außenministerium zu akzeptieren, der nicht eine Standard Beamten-Kariere hinter sich hatte. Man hatte viele Erwartungen an den “Turnschuhminister”, der Kohl als “Buddha” und Ex-Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen als “Arschloch” bezeichnet hatte. Joschka versprach die Politik spannend zu machen. Rot-grün sollte nicht nur ein Politik-, es sollte auch ein deutscher Imagewechsel werden. Nach “Cool Britannia” sah man “cooler Deutschland” nun kommen. Aber selbst die Fan-Gemeinde von Rotgrün muss bekennen, dass sich die Erwartungen insoweit nicht erfüllten. Leider bestätigt das Buch von Joschka Fischer “Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11. September” diese Analyse. Joschka Fischer machte letztlich einen “guten Job”, revolutionäres hat er nicht geleistet. Wenn man ehrlich ist, das Buch hätte auch von Kinkel sein können.

Man wusste schon vor seiner Amtsübernahme, dass das Massaker von Srebrenica Joschka Fischer verändert hat: In einer sehr glaubwürdigen Art und Weise hatte er bereits 1995 seine totale Ablehnung gegen den Einsatz militärischer Gewalt aufgegeben. Im Gegensatz zu vielen Altlinken in der Grünen Partei erinnerte sich Joschka Fischer eben nicht nur an “nie wieder Krieg”, sondern auch an “nie wieder Ausschwitz”. Während die “Fundis” seiner Partei Slobodan Miloševic nur mit einem Boykott drohen wollten und ihn damit letztlich hätten gewähren lassen, überzeugte Fischer die Mehrheit seiner Partei und Fraktion, dass nur die Drohung mit militärischer Gewalt Serbien zum Einlenken bewegen könnte. Fischer blieb auch standhaft, als der Drohung Taten folgen mussten und deutsche Soldaten erstmal wieder auf dem Balkan eingesetzt wurden. Die war keinesfalls selbstverständlich und bleibt für immer die große Tat Joschka Fischers. Das weiß dieser natürlich auch und genau deshalb beschäftigt sich sein Buch auch fast ausschließlich mit dieser außenpolitischen Entscheidung. Seitenweise versucht Joschka Fischer darzustellen, wie er seinen Draht zu Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright nutzte, um entscheidend auf die internationale Jugoslawien-Politik einzuwirken, bestätigt aber vielmehr, dass nach der deutschen Zustimmung die Entscheidungen letztlich woanders gefällt wurden. Den oft gehörten Vorwurf, Fischer sei der “Schoßhund” von Albright gewesen, entkräftigt er leider kaum. Und man fragt sich während der Lektüre von 100 Seiten Jugoslawien immer wieder: War das alles?

Um fair zu bleiben: Das Buch heißt nun mal die “Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11. September”. Vielleicht befriedigt Fischer im zweiten Teil seiner Biographie, die sich offenkundig mit der Bush-Administration auseinandersetzen muss, unsere Lust auf mehr revolutionäres. Der Showdown in München, als er Donald Rumsfeld entgegenbellte, er sei nicht von dessen Irakpolitik überzeugt, könnte interessant werden. Aber ich konnte und wollte nicht glauben, dass zwischen 1998 und 2001 der supergrüne Außenminister auch hinter den Kulissen sowenige Spuren hinterließ, wie man es schon als Zeitgenosse befürchtet hatte. Die vielzitierte “Kontinuität der deutschen Außenpolitik” bestätigt Fischer in seinem Buch so eindrucksvoll, dass man sich ehrlich fragt, wo der Unterschied zu seinem Vorgänger Klaus Kinkel (FDP) sein soll. Fischer hat es verpasst zu erklären, warum er sich nicht wirkungsvoll für eine Beschränkung der Rüstungsexporte eingesetzt, oder warum er sich nicht stärker gegen die EU-Skepsis von Gehard Schröder gewehrt hatte. Außer der bekannten Humboldt-Rede und einer Beschreibung des schwierigen Verhältnisses zu Frankreiches Präsident Chirac findet sich wenig zum europäischen Einigungsprozess. Die Entfremdung von Frankreich wird ebensowenig thematisiert, wie die von vielen Beobachtern mit Argwohn gesehene Annäherung an Putin-Rußland.

Man hatte einfach gehofft, Joschka Fischer könne im nachhinein erklären, warum vieles liegen geblieben ist, wie “böse Mächte” ihn daran gehindert haben, “Großes” zu tun, der deutschen Außenpolitk ein anderes Gesicht zu geben. Stattdessen liest man ungläubig, wie Fischer mit den paar dünnen Brettern, die er gebohrt hat, offensichtlich auch noch zufrieden ist. Es ist einfach schade, dass auch hier eine so große Gelegenheit ungenutzt bliebt.

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1 Kommentar zu “Joschka Fischers Memoiren: kein großer Wurf”


  1. 1 dr.escher

    Lieber Uwe, es war trotzdem ein tolles Geschenk! ;)

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