Man bekommt in den letzten Jahren zunehmend das Gefühl, dass sich die pluralistische Meinungsvielfalt der deutschen Medien dem Ende neigt. Gleichgültig ob Wirtschaftsthemen, Steuerfragen, oder Bildungspolitik: Alle Journalisten scheinen vom jeweils anderen abzuschreiben und niemand kommt auf die Idee, zu hinterfragen, wer welche Nachricht aus welchem Interesse publiziert hat. Besonders auf die SPD haben es offensichtlich alle Medien abgesehen. Streng nach dem Sprichwort, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, ereifern sich Journalisten aller politischer Couleur daran, den Sozialdemokraten und insbesondere deren glücklosen Vorsitzenden Kurz Beck den Garaus zu machen. Während sich eigentlich niemand für Merkels Totalabkehr von ihren neoliberalen Wahlversprechen des Bundestagswahlkampfs 2005 interessiert und auch ihren bayerischen Kameraden Beckstein und Huber völliger Dilettantismus in Sachen Rauchverbot, Landesbank und Transrapid nicht mal entgegengehalten wird, wird bei Beck jedes auch noch so kleine Missgeschick als völliges Desaster gesehen. Die Nominierung von Gesine Schwan ist ein absoluter Glücksgriff der SPD. Sie sollte sich keinesfalls von dem unqualifizierten Geblöke halbwissender Journalisten beeindrucken lassen. Gesine Schwan ist ein Vorbild für Deutschland. Dem Sparkassendirektor Köhler wird schon in Kürze niemand eine Träne nachweinen.
Irgendein Journalist (oder CDU-Pressesprecher) hat die Parole ausgegeben, Horst Köhler sei im Volk viel beliebter als Gesine Schwan. Weiterhin spräche gegen Gesine Schwan, dass sie in der Bundesversammlung nur mit den Stimmen der Linkspartei gewählt werden könne. Beides ist Unsinn. Zunächst kann es niemand, der es auf eine faire Berichterstattung angelegt hat, ernst meinen, die Beliebtheit eines seit 5 Jahren im Amt befindenden Bundespräsidenten mit einer nahezu unbekannten Person zu vergleichen. Zumindest von seriösen Zeitschriften hätte man erwartet, dass die Frage, wer der bessere Präsident wäre, entscheidend ist und nicht, wen das Volk heute, also ein Jahr vor der Wahl, für besser hält. Auch die Behauptung, Gesine Schwan könne nur durch einen Pakt mit dem Teufel, namentlich der Linkspartei, gewählt werden, offenbart nur völlige Unkenntnis vom Verfassungsorgan Bundesversammlung, denn in dieser Versammlung gibt es keine Parteien und keine Fraktionen. Die zur Bundesversammlung entsandten Vertreter der Länderparlamente müssen keine Mitglieder dieser Volksvertretungen sein; regelmäßig werden neben den Spitzenpolitikern der einzelnen Länder auch ehemalige Politiker, Prominente, Sportler und Künstler gewählt. Die Mitglieder der Bundesversammlung sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden. Gesine Schwan bemüht sich daher nicht um eine Partei, sondern um freie Wahlmänner und -frauen. Bei der Wahl des Bundespräsidenten geht es nicht um eine Koalition, sondern um eine Persönlichkeit, die Deutschland repräsentieren soll.
Wer die Vita von Gesine Schwan kennt, weiß, dass Sie kein Fan der Linkspartei ist. Sie hat den als “rechts” bekannten Seeheimer Kreis innerhalb der SPD mitbegründet. Zu Zeiten des Endes der linksliberalen Koalition aus SPD und FDP unter Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sie sich entgegen des Zeitgeistes ausdrücklich für den NATO-Doppelbeschluss ausgesprochen. Gesine Schwan fiel innerparteilich immer wieder durch ihre Kritik an der “zu laxen” Haltung der SPD gegenüber den totalitären System des sozialistischen Ostens auf. Ihr zu unterstellen, sie spiele den Steigbügel für Lafontaines Chaotentruppe offenbart nur das Bildungschaos in Deutschland, wo sich Journalist nennen darf, wer keine Ahnung von nichts, aber zu allem eine Meinung hat. Man ist geneigt, ein Studium an Schwans Hochschule in Frankfurt (Oder) zu empfehlen.
Das schöne an Frau schwan ist aber insbesondere, dass sie – im Gegensatz zu Kurt Beck – keine Angst hat. Sie lässt sich nicht von den Westerwelles dieser Nation eine Kandidatur untersagen. Sie kennt das Risiko und kandidiert trotzdem. Auch wenn ihr nicht gedankt wird, dass Sie das Selbstverständlichste der demokratischen Welt, eine 2. Auswahl, ermöglicht, zeigt sie der SPD, dass man nur mit Mut zum Ziel kommt. Vielleicht erwacht die SPD endlich aus ihrem Dornröschenschlaf und steigt endlich wieder in den politischen Ring. Zeit wird es. Oder wir bekommen am Ende wirklich noch Guido zum Außenminister. Und ganz nebenbei, liebe SPD: Sie wäre auch eine hervorragende Kanzlerkandidatin – Nur für den Fall der Fälle.
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