Ypsilanti und die Linke. War es das Risiko wert?

Es heisst, Geschichte werde von Gewinnern geschrieben. Damit ist nicht nur gemeint, dass sich letztendlich der Stärkere durchsetzt, sondern auch dass rückblickend sein Weg der richtige war, während der Unterlegene die falschen Entscheidungen getroffen und gerade deshalb verloren habe. Dass Erreichen des Ziels beweise demnach die Richtigkeit des Wegs. In dieses Horn stößt auch Klaus Böllig, Regierungssprecher und Berater von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem aktuellen Beitrag für die Süddeutschen Zeitung. Ypsilanti habe mit ihrer Entscheidung, eine Zusammenarbeit mit den Linken zu riskieren, um Koch zu stürzen, der SPD schwer geschadet und müsste daher die Partei, mindestens aber die Parteispitze verlassen. Ypsilanti habe sich taub gestellt und quasi im Rausch alle Zeichen nicht erkennen wollen, die das einzig vernünftige, nämlich eine Koalition mit Koch nahegelegt hätten. Es ist wohl in der Tat kaum bestreitbar, dass die misslungene Strategie von Ypsilanti der SPD schweren Schaden zugefügt hat. Kann man vom Scheitern aber wirkich Rückschlüsse auf die richtige Risikoabwägung machen? Ich meine: Nein.

Das Wesen von Risikoentscheidungen ist, dass man auch falsch liegen kann. Wer auf “Nummer sicher” geht, verliert selten, gewinnt aber auch in der Regel nichts. Oscar Wilde meinte dazu: “Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die eigentliche Tugend des Menschen. Durch Ungehorsam entstand der Fortschritt, durch Ungehorsam und Aufsässigkeit“. Wer ein Risiko eingeht, tut dies typischerweise im Vertrauen auf das Glück und im Bewusstsein, es kann auch schief gehen. Wenn nun die Würfel “nicht richtig” fallen, war es dann bewiesen falsch, es trotzdem zu versuchen? Jeder der jetzt “ja” sagt, dürfte niemals Lotto spielen, nie mit dem Flugzeug fliegen, oder eine einfache Wette eingehen. Die Risikoentscheidung hängt in der Regel doch von der Gewinnwahrscheinlichkeit und dem einzusetzenden Kapital ab. Ypsilanti hat in der Tat gepokert und verloren. Aber sie hätte Großes erreichen können und angesichts des Gewinntopfes (Koch müsste weg und die SPD hätte eine echte, von ihr geführte Regierung) war es das Risiko wert. Man muss sich ja nur die Alternativen vor Augen führen: Hätte Ypsilanti von Anfang an eine Koalition mit den Linken ausgeschlossen wäre ihr nur der Weg in eine Juniorpartnerschaft unter Roland Koch verblieben. Sie hatte also nichts zu verlieren. Und ich wette, wenn auch ohne EInsatz, in 4 Jahren kräht kein Hahn mehr danach. Die SPD sollte sich als guter Verlierer zeigen und einfach die kommende Niederlage akzeptieren – das ist nun mal der Preis des Risikos gewesen. Es hätte auch klappen können.

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2 Kommentare zu “Ypsilanti und die Linke. War es das Risiko wert?”


  1. 1 Angel

    Sehe ich absolut genauso.

    Und eine große Koalition wäre der totale Verlust der Glaubwürdigkeit gewesen, und defintiv auch nicht das, was die SPD braucht!

    Hut ab vor der Andrea, die hat wenigstens ihr Rückgrat behalten!

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